Eine neue Aktion des Düsseldorfer Künstlers Christian Jendreiko, eigens für die Eröffnung der Rroomondays im Rroom geschrieben. Mit mit Michael Hirsch, Christian Jendreiko, Jörg Koopmann, Norbert Lang, Christian Weiss, Dana Weschke, Volker Zander
Aus dem Aktionstext:
Christian Jendreiko
DIE SCHARFEN GESTALTEN DER UNRUHE
Aktion für 5 Tasteninstrumente, 5 Akteure,
einen Fotografen & eine Autorin
(ROHFASSUNG)
Man muß wählen
Pierre Joseph Proudhon
Jede Körperbewegung sagt etwas
Michel de Montaigne
Durch den körperlichen Akt wird dem Gedanken materielle Form verliehen
Asger Jorn
Wir haben folgende Situation:
5 Akteure und zwei Beobachter treffen sich an einem Ort, der aussieht wie der Rroom in der Lothringer Straße 13 in München, und spielen dort für ungefähr 2 Stunden mit folgenden Gedanken: Jeder der Akteure macht von einem Tastenintrument Gebrauch, um vier Typen von Spielbewegungen in Erscheinung zu bringen:
Das Niederdrücken, das Halten und das Loslassen einer Taste mit einem Finger, sowie das Innehalten zwischen dem Loslassen und dem Niederdrücken. Das Tasteninstrument kann ein Klavier sein, ein Cembalo, ein Synthesizer, eine Orgel oder irgend ein anderes Tasteninstrument, das wohltemperiert gestimmt ist. Sind an dem Tasteninstrument Dreh- oder Schieberegler zur Regulierung der Lautstärke und der Klangtextur vorhanden, kann jeder Akteur entscheiden, ob er eine feste Einstellung wählt, oder im Verlauf des Spiels von diesen Steuerelementen Gebrauch macht, um noch zusätzlich Dreh- oder Schiebebewegungen in Erscheinung treten zu lassen. Jeder Akteur vollzieht jede Spielbewegung ohne anderen Grund als dieses plastische Ereignis zu verwirklichen. Als kosmisches Beispiel dessen eigener Größe. Jeder Akteur handelt in dem Bewußtsein, daß jede Spielbewegung allein zur Kennzeichnung ihrer selbst gebildet wird; als gegenstandslose Bewegung, als temporäre Form reiner Entelechie, als rein auf sich selbst gerichtetes Tun. Jeder Akteur handelt in dem Bewußtsein, daß jede einzelne Spielbewegung, jeder einzelne Tastendruck, jedes Loslassen, jedes Innehalten ein kosmisches Beispiel dafür ist, wozu der Mensch fähig ist. Jeder der Akteure vertieft sich dabei in die Feinheiten der Bewegungsführung, indem er jede Bewegung in ihren Einzelheiten sorgfältig durchbildet.
Zu den Einzelheiten gehören:
Die Geschwindigkeit, mit der die Bewegung ausgeführt wird
Die Kraft, die für jede Bewegung aufgebracht wird
Die Dauer, die jeder Bewegung in ihrer Zeitgestalt gegeben wird
Jede Spielbewegung in ihren Einzelheiten sorgfältig durchzubilden heißt, das Wagnis des arkadischen Wägens einzugehen, und jede Spielbewegung ins rechte Maß zu bringen. Sowohl in ihren Einzelheiten als auch im Zueinander zu den anderen Spielbewegungen. Das rechte Maß besteht in seiner Grundgestalt in dieser Situation darin, eine höhere Form der Symmetrie zu verwirklichen, indem sich alle Spielbewegungen, die ein Akteur verwirklicht, darin gleichen, daß sie in den Bemessungen ihrer Einzelheiten sowohl voneinander abweichen, als auch von den Spielbewegungen der anderen Akteure. Wie stark das Maß der Abweichung ist, die jede Spielbewegung ihrer eigenen Vergangenheit gegenüber hat, bemisst jeder Akteur, indem er versucht, ein deutliches Bild von etwas Undeutlichem zu zeichnen. Jeder der Akteure wird so zum esemplastischen Geometer, zum Vermesser denkbarer Dimensionen und Proportionen seiner eigenen Bewegungen, die er erst dann mit seinem Körper verwirklicht, wenn er sich ein vollkommen klares Bild davon vor seinem geistigen Auge gemacht hat. Jede verkörperte Gestalt wird in ihrem audiovisuellen Erscheinungsbild dabei zu einem unendlich variierbaren Phänotyp. Jeder der Akteure macht Gebrauch von der wohltemperierten Stimmung seines Instruments, um seinen Spielbewegungen im Kontakt mit den Tasten eine Tour durch eine Reihe von Tonhöhen zu geben.
Die Reihenfolge der Tonhöhen, die jedem einzelnen Akteur dabei zur Verfügung steht, ergibt sich dabei aus seinem Namen.
Im Falle von Michael Hirsch sind es folgende Tonhöhen:C H A E H Es C H
Im Falle von Christian Jendreiko sind es folgende Tonhöhen: C H Es A E D E
Im Falle von Norbert Lang sind es folgende Tonhöhen: B E A G
Im Falle von Christian Weiß sind es folgende Tonhöhen: C H Eb A E Eb
Im Falle von Volker Zander sind es folgende Tonhöhen: E A D E
Jeder der Akteure gibt seinen Spielbewegungen die Tour durch seine Tonhöhenreihe in der Reihenfolge, wie sie ihm durch seinen Namen vorgegeben ist. Die Tour bewegt sich dabei auf den Tasten von links nach rechts und beginnt dann wieder von vorn. Nur Christian Weiß bewegt sich auf seinem Tasteninstrument in umgekehrter Richtung.
Jeder Akteur handelt in dem Bewußtsein, daß er es hier mit phantatsischen Kausalitäten zu tun hat, bei denen die Dialektik von Pause und Bewegung und von Wiederkehr und Anderswerden ausschlaggebend ist. Die Akteure handeln jeder für sich, aber Seite an Seite. Die Akteure handeln in dem Bewußtsein, daß alle anderen, die gekommen sind, um diesem Ereignis beizuwohnen, die Signale jeder ihrer Spielbewegungen verfolgen können wie die Spuren eines Tieres im Schnee. Die Akteure achten darauf, daß sich die Unruhe, die sie mit ihrem Handeln stiften, in einer für alle angenehmen Lautstärke vollzieht. Der Fotograf und die Autorin verfolgen das Geschehen und versuchen etwas festzuhalten von dem, was sie erleben, um es den anderen zu zeigen. Vielleicht schon während oder kurz nach der Aktion oder wann immer sie wollen.
Das ist ihre Art, im Signalgemisch des Alls mitzuspielen und dem Sein des Seienden, das gerade im Werden begriffen ist, eine Bahn zu brechen, im Riß zwischen der Anschauung und dem, was die Einrichtung der Welt daraus macht, als scharfe Gestalten der Unruhe.
Düsseldorf, im Juni & Juli 2014



